Ibrahim: Du bist seit einem Jahr Chefredakteur von Gründerszene. In der Zeit ist der Traffic sowie der Bekanntheitsgrad stetig gestiegen. Gibt es dafür besondere Gründe?
Joel: Klar gibt es die. Ganz grundsätzlich war Gründerszene zu Beginn ein Blog, der durch
Spreadshirt-Gründer
Lukasz Gadowski eher aus Passion als aus geschäftlichen Interessen geführt wurde.
Mit der Zeit wurde der Inhalt aber immer mehr zum Magazin umgebaut und spätestens als ich an Bord kam, war halt ein Professionalitätslevel erreicht, der mit der Content-Zunahme auch zu besseren Clickzahlen führte. Wir bemühen uns um außergewöhnlich guten Content, der die Geschehnisse der deutschen Internetwirtschaft kritisch, aber fair einordnet und ich bin der Meinung, dass sich diese Qualität mit der Zeit rumspricht. Natürlich optimieren wir die Seite aber auch so, dass sie besser gefunden wird. Dabei setzen wir nicht auf Black-Hat-SEO oder ähnliches, sondern bauen einfach sinnvolle URL- und Link-Architekturen. Alles in Summe führt zu besseren Zahlen, denke ich.
Ibrahim: Ist eine Ausbildung empfehlenswert, um ein Blog erfolgreich aufzubauen und zu führen. Wenn ja, welche würdest Du empfehlen?
Joel: Ach, das kann man so allgemein nie sagen, finde ich. Es gibt Menschen, die können schreiben und es gibt Menschen, die können es eben nicht. Ganz allgemein würde ich sagen, dass das geschriebene Wort neben dem Talentaspekt von der Passion abhängt. Wenn jemand über etwas schreibt, das ihn wirklich interessiert, werden Texte oft per se sehr viel besser. Und es kommt bei Blogs und Magazinen stark auf die Positionierung und den Inhalt an. Also Stil ist das eine, aber Inhalt ist äußerst entscheidend und für einen erfolgreichen Aufbau sollte man sich von der Maße abheben. Wir haben zum Beispiel einen sehr investigativen Ansatz gewählt, bei dem wir einerseits die Szene intensiv beleuchten, andererseits über Fachbeiträge Anleitungen zum Selbermachen liefern.
Dennoch gibt es natürlich auch Handwerk. Um dieses Handwerk zu lernen, empfiehlt sich die Praxis aber oft viel eher als eine Uni oder Journalistenschule. Klar, gibt es dort viel Wissen, dass man aufsaugen kann, aber in der Praxis kommen dann doch wieder andere Hürden auf einen zu. Ich würde also immer erst über verschiedene Praktika testen, was einem liegt und dann überlegen, ob eine Ausbildung sinnvoll ist. In der Frage Praxis vs. Universität bin ich der Meinung, dass Universitäten einem vor allem Denkprozesse vermitteln und die Praxis konkrete Alltagslösungen.
Ibrahim: Gibt es einen oder mehrere Menschen, die Dich dazu bewegt haben, Blogger zu werden?
Joel: Nein, eigentlich nicht. Ich wollte nie schreiben und wollte nie was mit Internet machen und hier bin ich nun ;-). Ich nenne mich auch übrigens nie Blogger.

Ibrahim: Was macht Gründerszene so besonders?
Joel: Wir thematisieren eine Branche, die eigentlich sehr, sehr klein ist und lange Zeit von Klüngeln verschiedener Konglomerate lebte und eigentlich auch noch lebt. Ich meine, wenn man in Deutschland was mit Internet macht, gibt es ein paar Adressen, an denen man praktisch nicht vorbei kommt. Diejenigen, die wirklich ernsthafte, professionelle Seiten bauen, haben vieles unter sich aufgeteilt. Es ist schon so etwas wie eine kleine Internet-Oligarchie, die wir in Deutschland vorfinden und wir agieren hier in zweierlei Weise: Erstens bedienen wir wie gesagt auch junge Menschen über Fachbeiträge mit Handlungshinweisen und zweitens schaffen wir Transparenz und Hilfen zur Einordnung des Geschehens. Unsere Datenbank ist weltweit die erste, die alle deutschen Internetfirmen listet und auch die Anteile der Investoren aufführt. Mal abgesehen davon, dass es sowas nicht in dieser Form gibt, bieten wir es sogar kostenlos an, weil uns eben an Transparenz und Hilfestellungen für junge Menschen gelegen ist.
Und beim Inhalt macht sich hoffentlich unsere investigativ-kritische Haltung bemerkbar: Wir schreiben nicht einfach Pressemitteilungen oder Nachrichtenagenturen-Texte ab oder labbern rum. Wir nennen die Dinge beim Namen und loben Gutes und mahnen Schlechtes. Es gibt Nachrichtenseiten, die bringen 500 Artikel pro Tag an den Start. Wie bei denen die Fehlerquote und die inhaltliche Qualität aussieht, kann man sich wohl denken. Wir setzen also auf hohe Qualität und Einordnung der Geschehnisse. Aus unserer Geschichte (ihr erinnert euch, ein Blog von Lukasz) sind wir so groß geworden, dass viele Infos von hinter den Kulissen stammen. Und das versuchen wir auch aufrecht zu erhalten.
Ibrahim: Welche 3 Tipps würdest Du einem "jungen" Blogger geben?
Joel: 1. Schreiben dreht sich meist um Menschen, also pfeile an Deinen sozialen Fähigkeiten und bau dir ein Kontaktnetzwerk auf.
2. Schreibe über etwas, dass Dich interessiert und bemühe Dich um eine klare Positionieriung.
3. Versuche bei der Erstellung von Content eine gesunde Balance zwischen Aufwand und Nutzen zu finden.
Ibrahim: Gibt es einen Schlüssel für erfolgreiches Blogging?
Joel: Hm, nur über Dinge schreiben, von denen man Ahnung hat und für die man sich interessiert, eine klare Position beziehen und intensiven Kontakt zu den Menschen um einen herum pflegen.
Ibrahim: Täglich treten Gründer/Startups an dich heran, die sich platzieren wollen. Wie gehst du mit der Informationsflut um?
Joel: Hm, ich siebe und delegiere. Meistens erkennt man schon früh, welche Anfragen einen weiter bringen und welche einen nur aufhalten. Wichtig ist, dass man stets höflich bleibt und jedem eine Antwort gibt. Bei Gründerszene werden Vorstandschefs genauso behandelt wie Studenten oder Schüler. Wenn eine Anfrage interessant ist, schaue ich, in wessen Arbeitsbereich sie fällt und wenn es nicht mein eigener ist, leite ich sie entsprechend weiter. Zwei Dinge sind hier wichtig: erstens muss man für sich einen klaren Fokus haben und diesen auch durchziehen. Wenn ich B2B als Fokus habe, sollte ich mich nicht mit B2C rumschlagen, weil zwei Sachen halb zu machen immer schlechter ist, als eine Sache ganz. Bei Gründerszene konzentrieren wir uns auch quartalsweise auf bestimmte Ziele, zum Beispiel den Ausbau der Datenbank oder Fachartikel usw. Ob eine Anfrage interessant ist (zweitens) entscheide ich gemäß des ersten Eindrucks, des Akteurs, der sie stellt und anhand einer ersten Kosten-Nutzen-Vermutung.

Ibrahim: Wo siehst du Gründerszene in einem Jahr, welche Ziele hast du?
Joel: In einem Jahr wird Gründerszene den Wandel zum Magazin abgeschlossen haben und ein wesentlich vielfältigeres Produkt sein. So wie es schon heute neben den Artikeln die Datenbank und Seminare für Gründer bei uns gibt, wird es noch weitere Features geben. Ich möchte Gründerszene noch vielseitiger machen, um nochmehr Leuten damit Hilfestellungen geben zu können. Momentan sind in dieser Richtung vier Großprojekte in Arbeit, weshalb man also mit einigen Umbrüchen rechnen darf. Mein Ziel ist es also, die Reichweite noch einmal deutlich zu steigern und inhaltlich vielfältiger zu werden.